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Visiting Professor of Cultural Sociology

Research Projects

Social Form: An International Conference in Between Sociology, Philosophy, and the Humanities

Project Description

Innerhalb dieses umfassenden Programms der Entwicklung und Diskussion einer Theorie rechnender Formen orientiert sich die Tagung an einer Teilproblemstellung. Es soll darum gehen, den Anspruch und die Reichweite eines allgemeinen Formbegriffs aus einer soziologischen, philosophischen und literaturwissenschaftlichen Sicht zu überprüfen und zu diskutieren. Die Tagung nimmt den Faden eines interdiszplinären und internationalen Interesses an den jüngeren Entwicklungen der Theorie sozialer Systeme auf und lädt Referenten ein, die aus einer zum Teil sympathisierenden und zum Teil kritischen Sicht die jüngste, bereits im Werk von Niklas Luhmann insbesondere in seinem abschließenden Hauptwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft (Luhmann 1997; vgl. auch Luhmann 1996 und 1998) bereits sichtbare Bewegung vom Grundbegriff des Systems zum Grundbegriff der Form aufzunehmen und zu kommentieren. Auf der Tagung geht es nicht um eine Philologie der jüngsten Werke Luhmanns, so sehr es aufschlussreich sein kann, sich sowohl der Theoriemotive Luhmanns auf dem Weg zu einer Formtheorie wie auch seines letzten Zögerns vor diesem Schritt zu vergewissern. Auf einer Tagung zur "Theorie der Form" im Jahr 1992 in Hamburg hat Luhmann immerhin konstatiert, dass der Schritt vom Systembegriff zum Formbegriff der notwendige nächste Theorieschritt sei, doch er werde diesen Schritt nicht mehr machen (vgl. Baecker 1993c, 1999). Wenn man den Formbegriff mit dem Indikationenkalkül von George Spencer-Brown (1969) als Form einer Unterscheidung (genauer: als mindestens dreiwertige Form einer mindestens zweiseitigen Unterscheidung versteht, ergeben sich interessante Möglichkeiten, die Unterscheidung von System und Umwelt neben anderen Unterscheidungen (zum Beispiel Ding und Medium, Zeichen und Bezeichnetes, Sinn und Referenz) als einen Fall unter anderen einer allgemeinen Form zu untersuchen. Die Tagung versammelt Referenten aus Frankreich, Italien, den USA und Deutschland, die zum Teil kritisch auf das Potential des Formbegriffs reagieren und die Motive zur Weiterentwicklung der Theorie sozialer Systeme kritisch überprüfen. Gemeinsam ist den Referenten die Einschätzung der Leistung insbesondere von Luhmanns Fassung der Theorie sozialer Systeme und der Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung. Offen ist, in welche Richtung es dabei gehen kann und soll. Auf der Tagung wird daher bewusst der Versuch gemacht, ein ausgeprägtes Interesse an Theoriefragen mit einer genauen Kenntnis der empirischen Materialien, an denen dieses Interesse zu messen wäre, zu verbinden. Jeder der Referenten ist mit andersartigen Fragestellungen und Materialien beschäftigt, zugleich jedoch mit der internationalen Theoriediskussion zum Teil seit Jahrzehnten vertraut und in dieser engagiert. Die Tagung bietet daher die einzigartige Chance, das Potential eines Formbegriffs auszuloten, der in der Lage ist, Fragen der unwahrscheinlichen Ordnung, der nichtlinearen Reproduktion und der rekursiv-iterativen Differenz abzubilden. Die ausgesprochen positive Resonanz der eingeladenen Referenten, die alle zugesagt haben, bestätigt dieses Motiv der Tagung. Wir werden uns mit der Frage beschäftigen, ob nicht zumindest die Rhetorik seit der Antike immer schon eine Formtheorie war beziehungsweise mit Redefiguren "rechnete", die Unterscheidungen treffen, Abgrenzungen vornehmen und die Unterscheidung in den Raum der Unterscheidung zwecks Reflexion und Abwägung wieder hinein nehmen (Rüdiger Campe). Wir werden zu klären versuchen, inwiefern sich Unterscheidungen zur Codierung der Ereignisse der Welt eignen, das heißt inwiefern sie für diese Welt "empfindlich" sind und in dieser Welt eine eigene "Passibilität" besitzen (Jean Clam). Wir werden darüber diskutieren, ob die mehrwertige Logik Gotthard Günthers nicht der strukturell reichere Ansatz für eine differentielle Konzeption von Formen ist beziehungsweise ob und wie der Indikationenkalkül Spencer-Browns in diese Logik eingepasst werden kann(Elena Esposito). Wir werden der Frage nachgehen, ob der Indikationenkalkül Spencer-Browns mit seiner Struktur der Verdichtung (condensation) und Streichung (cancellation) nicht unter Umständen Ansatzpunkte dafür bietet, unterschiedliches Material, etwa Bildmaterial, auf seine strukturellen Redundanzen und Varietäten hin darzustellen (Tom Fürstner). Wir werden untersuchen, ob nicht jeder einzelne gesprochene oder geschriebene Satz bereits belegt, dass der Schließungsanspruch jeder Form hinfällig ist. Selbst kann der Satz nur sein, weil er einem "Afformativ" folgt, der den logischen Zusammenhang zwischen Sätzen hinfällig werden lässt. Jeder Satz ist nur in einer unbestimmten, also unendlichen,unvollziehbaren und formfreien Mannigfaltigkeit von anderen Sätzen explizierbar. Anders gesagt, der Satz hat weder die Struktur eines Transzendentals, noch wird sein Verhältnis zu anderen Sätzen durch ein Transzendental reguliert (Werner Hamacher). Wir werden uns anschauen, ob das sperrige und nicht-lineare Material eines Films nicht genug Beleg dafür ist, dass Formfragen zu kurz greifen, und diese Hypothese am Schicksal der Filme im digitalen Zeitalter überprüfen (Rembert Hüser). Wir werden darüber diskutieren, ob die aktuelle Frage der Reichweite eines Managementbegriffs als Grundbegriff einer Praxis der Planung, Gestaltung, Steuerung und Kontrolle von Organisation geklärt werden kann, indem man die "Form" des Managements als in die "Organisation" wieder eingeführte Zweiseitenform von "Organisation" und "Wirtschaft" untersucht (Athanasios Karafillidis). Wir werden uns überlegen, ob eine Theorie rechnender Formen, angewandt auf Formen des Sozialen (und welche Form wäre nicht "sozial"?), nicht zwingend voraussetzt, dass man "Spencer-Brown" verdoppelt und mit Gotthard Günther, Augustin und Luther bei einem logisch vorgängigen Du ansetzt (David Köpf). Wenn Formen rechnen, werden wir uns am Beispiel der Organisation ansehen, wie sie das tun. Insbesondere werden wir im Anschluss an die mathematische Kommunikationstheorie prüfen, ob sie dies statistisch, das heißt in Begriffen der Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit sowie der Stärkung und Schwächung sowohl der Wahrscheinlichkeit als auch der Unwahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse tun (Maren Lehmann). Wenn auch Comics geschrieben und gelesen, also offenbar unterschieden werden können, werden wir diskutieren, ob das Indikationenkalkül einen Beitrag zum Verständnis der hier getroffenen Unterscheidungen leisten kann (Stephen Packard). Da Formen im Indikationenkalkül, solange sie in den Raum ihrer Unterscheidung noch nicht wieder eingetreten sind, entweder auf den marked state oder den unmarked state zusammengestrichen ("gekürzt") werden können, kann man sich fragen, ob Luhmanns Theorie nicht selber als ein Beispiel für einen "Perspektivismus" verstanden werden kann, dem ein "Nihilismus" zugrunde liegt. Ist die Theorie Luhmann nicht vielmehr nichts? Und wenn ja, wie gelingt ihr das (William Rasch)? Nicht die geringste Herausforderung einer Arbeit mit dem Indikationenkalkül Spencer-Browns in sozial- und geisteswissenschaftlichen Texten besteht darin, dass dieses Kalkül dazu einlädt, auch die entsprechende Notation zu verwenden. Texte dieses Typs stehen jedoch in einem Spannungsverhältnis zu mathematischen Notationen, das dadurch nicht geringer, sondern eher noch größer wird, dass wir es im Fall des Indikationenkalküls mit einer nicht-numerischen, qualitativen Mathematik zu tun haben, die dazu einlädt, die in ihr formalisierten Zusammenhänge zu verbalisieren. Wie also steht es um den Status von Diagrammen in Texten? Und kann dieser so geklärt werden, dass Ansatzpunkte für den Einsatz von Spencer-Brown-Gleichungen erkennbar werden? Immerhin appellieren Diagramme an eine mitlaufende Wahrnehmung des Textes als Text, die vom ausschließlich sprachlich verfassten Text eher heruntergespielt wird (Dirk Rustemeyer). Spencer-Browns Indikationenkalkül erhebt den Anspruch, ein erster operativ selbstreferentieller und durchgängig temporalisierter Kalkül zu sein. Er wäre damit der geeignete Kandidat für eine Formalisierung sozialer Systeme zu sozialen Formen. Wir werden daher diskutieren müssen, ob sich dieser Anspruch sowohl vor dem Hintergrund der phänomenologischen Forschung wie der informations-theoretischen Begrifflichkeit, die als Horizonte der Begriffsarchitektur der Theorie sozialer Systeme und sozialer Formen gelten müssen, bewährt (Christina Weiss). Nicht zuletzt ist der Indikationenkalkül Spencer-Browns weder in Europa noch gar im Weltzusammenhang ein Solitär. Wir werden daher über den Stellenwert dieses Kalküls im Verhältnis zu anderen Differenztheorien insbesondere des 20. Jahrhunderts und dabei nicht zuletzt zur asiatischen Philosophie reden müssen (Katrin Wille). Die Tagung klärt diese einzelnen Themen und stellt deren Bezug aufeinander heraus. Letztlich wird es sowohl darum gehen, eine gewisse interdisziplinäre Sicherheit in der Einschätzung formtheoretischer Fragestellungen zu gewinnen als auch empirische Ergebnisse zu erarbeiten, die in der wissenschaftlichen Diskussion zum Beleg der Ansprüche einer Theorie rechnender Formen zitationsfähig und –würdig sind.

Contact: Prof. Dr. Dirk Baecker

Project Duration

from 04.03.2010 through 06.03.2010

Project Head

Prof. Dr. Dirk Baecker

Project Execution



Financing

DFG



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